Aktuelle Beschreibung der Klarinette

Die Klarinette wird allgemein zur Gattung der Holzblasinstrumente gezählt. Das heißt, die Töne (Klänge) werden typischerweise mittels Holz erzeugt. (Obgleich diese Kategorisierung auf systematische Bedenken stößt, wie seit über hundert Jahren bekannt.)

Anatomie der Klarinette

»Anatomy of the Clarinet« by Yamaha (WP-19) Foto: Achim Hohlfeld
»Anatomy of the Clarinet« by Yamaha (WP-19) Foto: Achim Hohlfeld

Abbildung oben: Klarinette in französischer Bauart (»Böhm-System«)

Der Text im Poster lautet:

»The clarinet, which features a soft rich tone often said to resemble the human voice, evolved in the early 1700s from a single-reed, recorder-like instrument called the ›Chalumeau‹, which had a very limited range. Gradually the design was improved and keys were added, and today the clarinet can play nearly four octaves, as well as nimble arpeggios and scales which are the envy of other wind instrument players. It is composed of almost 280 parts.«
Die Klarinette, die sich durch einen weichen, vollen Klang auszeichnet, der oft mit der menschlichen Stimme verglichen wird, entwickelte sich in den frühen 1700er Jahren aus einem blockflötenähnlichen Instrument namens ›Chalumeau‹ mit Einfach-Rohrblatt, das einen sehr begrenzten Tonumfang hatte. Nach und nach wurde das Design verbessert und es wurden Klappen hinzugefügt, sodass die Klarinette heute über fast vier Oktaven spielen kann und mit ihren flinken Arpeggios und Tonleitern von anderen Bläsern um ihre Fähigkeiten beneidet wird. Sie besteht aus fast 280 Einzelteilen. [Übersetzt mit Hilfe von www.DeepL.com/Translator (kostenlose Version)]

Töne (Klänge) ...

... sind physikalisch nichts anderes als schwingende Luft. Also setzt man die im Inneren des Instrumentenkorpus’ befindliche Luftsäule in Schwingungen, indem man auf dem schnabelähnlichen Mundstück ein dünnes Holzblättchen befestigt und durch die schmale Öffnung hineinbläst.

Das Mundstück bestand früher aus Holz, wird heute aber aus Kautschuk oder Kunststoff gefertigt. Kristallglas- und Holzmundstücke gibt es aber auch. Das Holzblättchen wird mit einer Schnur, Blattschraube oder Ligatur darauf befestigt. Es besteht aus getrocknetem und passend geschnitztem Schilfrohr (botanische Bezeichnung: »arundo donax«). Synthetische Blätter aus Kunststoff sind mittlerweile auch weit verbreitet und funktionieren mit dem dazu passenden Mundstück ebenso.

Dann umschließt man das Mundstück samt diesem einfachem Rohrblatt mit den Lippen und lässt die Atemluft so kontrolliert und zielgerichtet durch den zwischen Mundstück und (angefeuchtetem) Blatt verbleibenden Spalt durch das Instrument strömen, dass das Blatt in Schwingungen gerät. Dadurch wird die Luft im Instrumentenkorpus in Schwingungen versetzt, und es entsteht: ein Ton (wenn man es richtig macht). Wer das Saxophon kennt, wird feststellen, dass das da genau so geht.

Unterschiedlich hohe Töne ...

... entstehen durch unterschiedlich lange Luftsäulen im Instrument bzw. durch unterschiedlich schnell schwingende Luft. Der Kammerton a’ (das so genannte »eingestrichene A«, nach internationaler Schreibweise »A4«) entspricht einer Schwingungsfrequenz von 440, 442 oder 443 Hertz (je nach regional üblichem Brauch); das sind 440, 442 bzw. 443 Schwingungen pro Sekunde. Der Ton a’’ (das »zweigestrichene A«; international: »A5«) ist eine Oktave höher als das a' (A4), also doppelt so hoch, und schwingt deshalb mit 880, 884 bzw. 886 Hertz (Hz).

Zur Veränderung der Länge der Luftsäule, also der Tonhöhe ...

... öffnet oder schließt man die im Instrumentenkorpus befindlichen Löcher mit den Fingern der linken und rechten Hand. Je mehr Löcher offen sind, umso kürzer ist die Luftsäule, und umso schneller schwingt die Luft, entsprechend höher ist der Ton. Das ist die Grundregel; wegen der Möglichkeit zu Überblasen ergeben sich aber viele weitere Griffe und Töne (siehe Grifftabellen).

Wegen der Gesamtlänge der Klarinette (B-Klarinette = ca. 65 cm) ist es nicht möglich, alle Tonlöcher mit den Fingern direkt zu erreichen. Auch können mittels der mit den Fingern direkt erreichbaren Grifflöcher nicht alle in unserem Tonsystem gebräuchlichen Töne gegriffen werden. Daher gibt es, je nach Bautradition und Hersteller, mehr oder weniger viele und und mehr oder weniger unterschiedliche Klappen, die das Erreichen weiter entfernter Grifflöcher überhaupt erst ermöglichen und zusätzliche Kombinationen von offenen und geschlossenen Tonlöchern (Griffkombinationen) möglich machen.

Und je größer das Instrument, also je tiefer, umso mehr Klappen gibt es. Spätestens ab der Bassklarinette abwärts wird gar kein Tonloch mehr direkt mit einer Fingerkuppe geschlossen/geöffnet. Ohne die Klappen als mechanische Verbindungen zwischen Fingern und Tonlöchern ließen sich die größeren Instrumente nicht spielen.

Der Instrumentenkorpus ...

... besteht – üblicherweise – aus Holz: Heutzutage wird dafür regelmäßig Grenadill verwendet, aber auch Buchsbaum, Cocobolo und Mopane kommen zum Einsatz. Andere Hölzer kommen auch in Betracht und werden gelegentlich zu Klarinetten verarbeitet (bspw. Olive, Pflaume, Eibe, Leadwood). Voraussetzung sind hohe Dichte und Festigkeit, die eine präzise Verarbeitung ermöglichen, sodass das Endprodukt robust ist und gut klingt. Zu den gebäuchlichen Hölzern steht mehr auf dieser Seite.

Alternativ werden Klarinetten aus Ebonit, einem speziellen Kunststoff, angeboten, meist aber solche im niedrigsten Preis- und Qualitätssegment (um das man, meine Meinung, einen großen Bogen machen sollte) oder für den Einsatz Draußen bei Wind und Wetter. Neuere Versuche gehen in die Richtung, Grenadillspäne und Kunststofffasern auf raffinierte Weise zu einem robusten Korpusmaterial zu verbinden.

Anders als bei Oboe, Saxophon, Fagott verläuft die Innenbohrung des Klarinettenkorpus nicht konisch, also am Anfang (Mundstück) eng und bis zum Ende (Schallbecher) kontinuierlich weiter werdend, sondern weitestgehend zylindrisch. Der Bohrungsdurchmesser bleibt also über die (beinahe) ganze Strecke praktisch gleich. Erst kurz vor Ende des Korpus, mit Erreichen des trichterförmigen Schallbechers, weitet sich die Bohrung, und geht wenig später in den trichterförmigen Schallbecher über.

Klarinetten bestehen von oben nach unten aus

  • Mundstück, zirka 7 Zentimeter
  • Birne (Fass), zirka 6 Zentimeter
  • Oberstück, zirka 19 Zentimeter
  • Unterstück, zirka 22 Zentimeter
  • Schallbecher (Trichter), zirka 11 Zentimeter.

Der Bohrungsdurchmesser beträgt etwa 15 Millimeter. Der Außendurchmesser des Korpus liegt bei etwa 30 Millimetern. Am Ende des Schallbechers beträgt der Innendurchmesser zirka 55 Millimeter, der Außendurchmesser etwa 80 Millimeter. Das alles sind aber nur ungefähre Maße, die sich auf die B-Klarinette mit deutscher Griffweise beziehen. Geringe Abweichungen je nach Hersteller und Bauweise sind möglich.

Bei den tiefen, größeren Klarinetten verbindet anstelle der Birne ein sogenannter »S-Bogen« aus Metall Mundstück und Oberstück. Diese Bezeichnung ist von der äußeren Form abgeleitet.

Eine B-Klarinette in deutscher Bauweise mit Grenadill-Korpus wiegt durchschnittlich etwa 740 Gramm (Quelle). Der Holzkorpus selbst macht dabei den kleineren Teil des Gesamtgewichts aus, die Menge und Materialstärke der Metallapplikationen hat den größeren Einfluss.

Die fünf Teile der Klarinette

Zur vollständigen (größeren) Ansicht bitte auf die Fotos klicken.

Das Klarinettenmundstück ...

... ist der Teil des Instruments, der dem Spieler am nächsten ist. Zusammen mit dem aufgebundenen Rohrblatt nimmt er es ein Stück weit in den Mund (Blatt nach unten auf die über die Schneidezähne gezogene Unterlippe, mit den Lippen luftdicht umschlossen) und bläst dann Luft hindurch.

Für das Spielgefühl ausschlaggebend sind Material, Bohrung, Kammer, Ausstich, Schenkel und Bahn sowie die Bahnöffnung in Verbindung mit dem Rohrblatt. Sie lenken und formen den Luftstrom unmittelbar, wenn er den Spieler verlässt.

Schnurrand und Schnurrillen sind bei Mundstücken zur Verwendung mit Blattschnur obligatorisch.

So heißen die einzelnen Teile des Klarinettenmundstücks.
Die Teile des Klarinettenmundstücks (klicken = mehr Details).

Mit den Fingern ...

... werden direkt maximal sieben Tonlöcher abgedeckt. Die übrigen Tonlöcher (je nach Bauweise über 20 Stück bei der B-Klarinette) werden mit Hilfe von gepolsterten Klappen geschlossen.

Für die Polsterung wird mit Leder, sogenannter Fischhaut (die alles andere als Fischhaut ist) oder Goretex überzogener Filz verwendet. Spezielles Silikon (zum Beispiel unter der Firmenbezeichnung Quarzresonanzpolster) findet auch Anwendung, selten Kork. Das gewählte Material soll bestmöglichst die Eigenschaften der menschlichen Fingerkuppen besitzen (Dichtigkeit, Weichheit, Festigkeit, Resonanz).

Die Klappen bestehen aus geschmiedetem (oder gegossenem) Stahl und sind in aller Regel versilbert, selten auch zusätzlich vergoldet, bei sehr preiswerten Instrumenten nur vernickelt.

Die Klarinette geht auf Erfindungen ...

... aus der Werkstatt von Johann Christoph Denner (1655–1707) zurück. Er lebte in Nürnberg und war dortselbst Meister für Holzblasinstrumentenbau ab dem Jahr 1697 n. Chr.

Ihm wird die Erfindung der Klarinette zugeschrieben, indem er das Chalumeau um eine Überblasklappe ergänzte. Eine genaue Jahreszahl ist leider nicht belegt. Nachgewiesen sind Klarinetten-Lieferungen ab dem Jahr 1710, gefertigt vom Sohn Jacob Denner (1681-1735), sowie Instrumente gefertigt vom Sohn Johann David Denner (1691–1764), in der von ihrem Vater übernommenen Werkstatt.

Die Klarinette wird seither ständig weiterentwickelt. Aber auch historische Instrumente aus dem 18. und 19. Jahrhundert werden heute wieder (nach-) gebaut und erfreuen sich über Fachkreise hinaus wachsender Beliebtheit. Sie lassen Klangkultur und Erfindungsreichtum vergangen geglaubter Epochen wieder lebendig werden – gleichermaßen für Publikum und Klarinettisten.

Die Klarinette ist ein transponierendes Instrument.

Das heißt: Es klingt ein anderer Ton als der, den man entsprechend dem notierten Ton greift (außer bei der C-Klarinette). Konkret: Spielt man eine Klarinette in B und in den Noten steht ein c' (C4), dann nimmt man die Griffkombination für c' (C4) – es erklingt aber ein b (Bb3), das zwei Halbtöne tiefer ist. Bei der Klarinette in A erklingt bei gegriffenem c' ein a.

So kann man auf allen Klarinetten die gleichen Griffe für die gleichen (notierten) Töne nutzen. Das hat insbesondere historische Gründe. Weil in der Frühzeit des Instrumentes ein gegenüber heute nur rudimentärer Klappenmechanismus verfügbar war und damit nicht alle Töne beziehungsweise nicht alle Töne problemlos oder in gleicher Qualität gespielt werden konnten, baute man Klarinetten unterschiedlicher Stimmungen, um dennoch alle von den Komponisten gewünschten Tonarten bequem und klanglich zufriedenstellend auszuführen zu können.

Auch wenn der heute verfügbare Stand der Technik ein sehr ausgefeiltes Klappensystem und damit (zumindest theoretisch) das Spielen aller Tonarten auf derselben Klarinette ermöglicht, so hat man doch die meisten unterschiedlichen Stimmungen beibehalten. Manches greift und spielt sich in einer Klarinette einer anderen Stimmung in der Praxis dann eben doch leichter (weil weniger Vorzeichen zu beachten und weniger komplexe Grifffolgen zu greifen sind). Und, ganz wichtig: Klarinetten unterschiedlicher Stimmung haben aufgrund ihrer unterschiedlichen Gesamtlänge und Bohrungsdurchmesser auch unterschiedliche Klangfarben, Klangcharaktere und Tonumfänge. Auch das war von Anfang an und ist bis heute ein triftiger Grund, eine Klarinette einer je besonderen Grundstimmung zu verwenden und nicht ausschließlich die B-Klarinette als die heute am weitesten verbreitete für alle Zwecke und Kompositionen. Vielen Komponisten und ihrem Werk täte man Unrecht, ersetzte man bei der Aufführung die von ihnen vorgeschriebene Klarinette durch eine Klarinette anderer Stimmung (siehe dazu auch diese Ausführungen).

Hinweise zur Notation, zum Tonumfang und zum Transponieren habe ich auf dieser Seite zusammengestellt.

Eine Seltenheit ist die Klarinette ...

... unter den Holzblasinstrumenten insofern, als sie die einzige unter ihnen ist, die in die Duodezime überbläst. Alle anderen (Flöten, Oboen, Fagotte, Saxophone) überblasen in die Oktave.

Was heißt Überblasen? Der Tonumfang und die Tonhöhe wird durch die Länge der Luftsäule bzw. durch Veränderung der Luftsäule im Instrument bestimmt. Durch Überblasen erhält man zusätzliche Töne. Das Überblasen kann mit Hilfe des Atemdrucks ausgeführt werden, jedoch wird zur Vereinfachung und Präzisierung an modernen Holzblasinstrumenten eine Überblasklappe angebracht, die mit dem linken Daumen bedient wird. Sie öffnet im oberen Bereich des Instrumentes ein zusätzliches Tonloch. So wird das Überblasen präziser und kann ohne wesentliche Änderung des Atemdrucks ausgeführt werden.

Bei der gewöhnlichen Blockflöte wird eine solche Überblasklappe nicht angebracht. Hier öffnet man das Daumenloch zum Überblasen durch geschickte Fingerpositionierung halb.

Greift man einen Ton, zum Beispiel das c’, und drückt dann diese Überblasklappe (bzw. überbläst), so ertönt bei allen anderen Holzblasinstrumenten ein doppelt so hoher Ton: Im genannten Beispiel das c’’, genau eine reine Oktave (= zwölf Halbtonschritte) höher, der erste Oberton. Nur bei der Klarinette erklingt dann ein um eine Duodezime (= neunzehn Halbtonschritte; = eine reine Oktave plus eine reine Quinte) höherer Ton, im Beispiel das g’’. Das ist der zweite Oberton. Dadurch vergrößert sich gegenüber Flöte, Oboe und Saxophon der Gesamttonumfang der Klarinette deutlich. Allerdings wird auch die Griffsystematik anspruchsvoller, da gleichnamige Töne in unterschiedlichen Oktaven komplett unterschiedlich zu greifen sind und überhaupt mehr Griffkombinationen für die größere Anzahl Töne notwendig sind.

Freilich hilft diese Überblasklappe nur beim Überblasen von der unteren in die mittlere Lage (Wechsel vom notierten/gegriffenen b' zum h' bis hin zum c'''). Ab cis''' muss das Überblasen in die hohe Lage mit speziellen weiteren Griffkombinationen unterstützt werden (bspw. dem zusätzlich zur Überblasklappe ganz oder halb geöffneten Tonloch am linken Zeigefinger), was diesen Tonbereich grifftechnisch besonders anspruchvoll macht.

Erstmals größere Verbreitung ...

... fand die Klarinette in den Spätwerken von Joseph Haydn und in der Musik von Wolfgang Amadeus Mozart. Als Orchesterinstrument wurde sie früh in der damaligen Mannheimer Hofkapelle eingesetzt und trug so ihren Teil zur Mannheimer Schule des Orchestermusizierens und Komponierens bei. In der klassisch-romantischen Musik zählen zu den bedeutendsten Werken das Konzert für Klarinette und Orchester von W. A. Mozart (A-Dur, KV 622), das Concertino und die Konzerte für Klarinette und Orchester von Carl Maria von Weber sowie die spätesten Kompositionen von Johannes Brahms (opp. 114, 115 und 120 für Klarinette, Violoncello und Klavier, für Klarinette und Streichquartett, sowie für Klarinette und Klavier).

Heute wird die Klarinette außer in der Sinfonik, Oper/Operette/Musical und Kammermusik auch in der Blasmusik aller Facetten, im Jazz, im Militär und in der sogenannten unterhaltenden Musik eingesetzt. Also praktisch überall. Sie zeichnet sich so durch besondere stilistische Vielseitigkeit aus, was sie von ihren Holzblasgeschwistern Oboe und Fagott wesentlich unterscheidet. Ihrer späten Erfindung wegen aber muss die Klarinette bei Kompositionen bis zur Epoche des Barock entbehrt werden.

Bechermechanik

Die so genannte »Bechermechanik« wird bei Klarinetten traditioneller deutscher Bauweise (ab A-Klarinette aufwärts) montiert, um für den tiefsten Ton (notiert e), der konstruktionsbedingt oft hörbar zu tief intoniert, eine reinere Intonation zu erzielen. Diese Mechanik öffnet ein zusätzliches Tonloch am Schallbecher, und wird über einen Hebel vom rechten Daumen bedient. Synonym gebräuchlich sind die Bezeichnungen »Daumenmechanik« und »Tief-e-Verbesserung«.

Gelegentlich wird sie kombiniert mit einem zusätzlichen Resonanzloch samt Klappe am Unterstück zur Intonationskorrektur des zweittiefsten Tons (notiert f), bedient über denselben Hebel (»Tief-e-f-Verbesserung«).

Die Intonationsproblematik der beiden tiefsten Töne (mess- und hörbare 5 bis 20 Cent zu tief) ist übrigens nicht auf die Klarinetten deutscher Bauweise beschränkt, sondern auch bei französischen (Boehm-) Klarinetten zu finden. Und so gibt es auch für Boehm-Klarinetten Notwendigkeit und Hersteller für eine Bechermechanik (Beispiel) – wenn man nicht grundsätzlich beim Tonlochnetz, dem Überblasloch und einer ergänzenden b'-Mechanik ansetzt und den Schwachpunkt auf diesem eleganteren, ergonomischeren und auch preiswerteren Weg vermeidet. Meistens wird aber darauf verzichtet. Offenbar stört es niemanden?

b'-Mechanik

Bei innovativeren Instrumenten deutscher Bauweise kann auf die Bechermechanik zur Intonationsverbesserung praktisch verzichtet werden: Dort intonieren e und f auch ohne diese Hilfe gut.

Erreicht wird dies durch ein zusätzliches Tonloch für das b' am Oberstück, das sich (nur) bei dem normalen Griff für b' öffnet. Es entlastet das Überblasloch von seiner Doppelfunktion (b' und Überblasung in die Duodezime); es kann daher anders positioniert und kleiner ausgeführt werden. Hierdurch, mit modifizierter Innenbohrung, verbessert sich nicht nur der Klang des b', sondern auch die Intonation in der dritten Lage (speziell e''') und ganz unten die der Töne e und f. Das macht eine Bechermechanik praktisch verzichtbar. Und das erst recht bei einer alternativen Anordnung der untersten Tonlöcher für e/h’ und f/c’’, die einen weiteren Klappenaufgang beim f (c'') bewirkt.

Freilich ist die b'-Mechanik keine Erfindung des frühen 21. Jahrhunderts. Instrumentenbauer, die sie heute wieder verbauen, greifen bewusst auf bekannte Vorbilder aus dem 20. Jahrhundert zurück. Insofern ist die b'-Mechanik heute keine Innovation, sondern Wiederentdeckung und Weiterentwicklung zugleich. Die beiden folgenden Fotos zeigen eine 2016 bei Schwenk & Seggelke (jetzt: Seggelke Klarinetten) in Bamberg gefertigte b‘-Mechanik nach ihrem historischen Vorbild der Schmidt-Kolbe-Klarinetten aus den 1920er/30er-Jahren.

Dietz erläutert die Wirkung der b'-Mechanik so:

»Bedingt durch die Verwendung des Loches in der Duodezimhülse sowohl zur Erzeugung des B´ als auch zur Überblasung sind bei Klarinetten ohne B´ – Mechanik zwei Kompromisse in Kauf zu nehmen. Zum einen ist das Überblasen in die Duodezime insbesondere der langen Töne nicht rein, zum anderen ist das b´ im Klang meist etwas dumpf und neigt zum Rauschen.
Durch ein zusätzliches – eigens zur Erzeugung des Tones B´ angebrachtes – Tonloch müssen diese Kompromisse nun nicht mehr eingegangen werden. Das neue Tonloch für das B´ ist nun größer, wodurch das B´ deutlich klarer und voller ertönt als bei herkömmlichen Klarinetten. Das jetzt nur noch zur Erzeugung der Duodezime verwendete Überblasloch kann verkleinert werden, wodurch die Intonation der gesamten Klarinette erheblich verbessert wird. So intonieren bei der Klarinette mit B´ Mechanik auch die tiefen Töne E und F deutlich besser ohne sich auf eine neue Griffweise gewöhnen zu müssen. Eine zusätzliche Becherklappenmechanik ist praktisch nicht mehr nötig.« (Quelle)