Die große Familie der Klarinetteninstrumente

Historie · Tradition · Entwicklung

Zur Klarinettenfamilie gehören Instrumente unterschiedlichster Grundstimmung und Größe.

Die Vielzahl der unterschiedlichen Grundstimmungen geht auf die historischen Wurzeln der Klarinette um das Jahr 1700 zurück. Seinerzeit verfügte man noch nicht über die heutigen Möglichkeiten einer komplexen mechanischen Ergänzung des Holzkorpus. Die handwerklichen Fähigkeiten waren noch nicht so weit entwickelt, denn die Trennung in verschiedene Handwerkszünfte erschwerte das interdisziplinäre Forschen und Produzieren mit »Holz« und »Metall«. So waren die ersten, frühen Klarinetten solche in D oder C, also eher kleine Instrumente, die auch ohne ausladende Mechanik schon gut spielbar waren.

Erst im 19. Jahrhundert wurde die heute bekannte komplexe mechanische Ausstattung der Klarinette entwickelt. Sie ermöglicht uns heute, alle Tonarten auf einem Instrument weitgehend problemlos zu spielen – wenngleich auch die mit den schwieriger zu realisierenden Tonarten verbundenen klanglichen Besonderheiten dabei nicht mehr realisiert werden können; denn auf den heute so präzise gefertigten und mechanisch reichlich ausgestatteten Instrumenten sind recht eigentlich doch alle Tonarten nichts weiter als »transponiertes C-Dur« (Zitat nach Nikolaus Harnoncourt). Früher brauchte man zur bestmöglichen Aufführung unterschiedlichster Tonarten entsprechend unterschiedlich gebaute Instrumente, heute eigentlich nur noch eins.

Hinzu kommen selbstverständlich kompositorische und aufführungspraktische Wünsche, die zur Erfindung und Verbreitung von ganz kleinen (ganz hohen) bis zu ganz großen (ganz tiefen) Klarinetteninstrumenten führten. Traditionsbewusst wie Instrumentenbauer und Instrumentalisten nun mal sind, wurden bei der Evolution der Klarinetten über die Jahrhunderte ihrer Existenz die von der ansonsten üblichen Grundstimmung in C abweichenden Grundstimmungen (besonders häufig in A, B und Es) beibehalten.

Tonumfang · Klassifikation · Transponieren

Der allgemein gebräuchliche Tonumfang der Klarinette erstreckt sich über mehr als dreieinhalb Oktaven. Unter anderem aus diesem Grund konnte sich für die Klarinetten keine einheitliche klassifizierende Bezeichnung durchsetzen, wie wir sie beispielsweise von den Saxophonen oder den menschlichen Stimmlagen kennen (Sopran, Alt, Tenor, Bariton, Bass etc.).

Die Notation steht heute im Violinschlüssel, beginnend mit dem tiefsten Ton e (bei einigen Instrumenten es oder C) bis zum höchsten Ton, meist ein g''' (selten bis c''''). Lediglich ab der Bassklarinette abwärts sind auch noch Notationen im Bassschlüssel verbreitet.

Von der C-Klarinette abgesehen transponieren alle Klarinetten-Instrumente. Praktischerweise muss man das beim Erlernen der Griffe für die Töne nicht berücksichtigen – auf allen Klarinetteninstrumenten sind die Griffe für identische Noten identisch (abgesehen von kleineren bauartbedingten Unterschieden insbesondere in den »Randbereichen« unterhalb vom notierten e und oberhalb vom notierten c'''). Je nach Grundstimmung erklingen aber bei identischen Griffen verschiedene Töne – das ist für das Zusammenspiel mit anderen Instrumenten entscheidend. Kurze Notenbeispiele in der nachfolgenden Auflistung sollen dies verdeutlichen.

Notenbeispiele zur Transposition

Die folgenden Notenbeispiele zu den einzelnen Instrumente zeigen im

  1. Takt das notierte zweigestrichene C (c'' bzw. c² im deutschen Sprachgebrauch, dem C5 im anglosächsischen Sprachgebrauch entsprechend);
  2. Takt den tiefsten notierten Ton des Instruments;
  3. Takt den klingenden Ton, wenn man das c'' (aus dem 1. Takt) auf dem Instrument greift/spielt;
  4. Takt den tiefsten klingenden Ton des Instruments, wenn man den Ton aus dem 3. Takt greift/spielt.

Takt 3 und 4 sind in die klingende Tonart transponiert, wie sie zum Beispiel auf dem Klavier notiert und zu spielen wäre. Ab Bassetthorn abwärts ist für die klingenden Töne die Notation im Bassschlüssel gewählt, weil es sonst zu viele Hilfslinien geworden wären (und das auch in dieser Tiefe so üblich ist).

Hohe Klarinetten in A / in As / in G / in Es / in D

Statt hohe Klarinetten wäre auch Sopranino-Klarinetten als Gattungsbegriff zutreffend. Den Zusatz Sopranino kennen wir zwar nur aus der großen Saxophonfamilie, doch warum sollte man ihn nicht auch für die Klarinetten von Hoch-a bis D verwenden?

Hoch-a-Klarinette

Sie transponiert eine große Sexte [neun Halbtöne] nach oben und existiert nur in wirklich seltenen Exemplaren.

As-Klarinette (Hoch-as-Klarinette)

Sie transponiert eine kleine Sexte [acht Halbtöne] nach oben.

G-Klarinette (Hoch-g-Klarinette)

Sie transponiert eine reine Quinte [sieben Halbtöne] nach oben und wird auch “Picksüßes Hölzl” genannt und in der österreichischen Schrammel- und Volksmusik verwendet.

Es-Klarinette

Sie transponiert eine kleine Terz [drei Halbtöne] nach oben. Verwendung findet sie in der Spätromantik und Militär-/Blasmusik. Ob ihres Klangcharakters auch "S-Piepe" oder "Glasschneider" genannt, worin Vorurteile zum Ausdruck kommen, die bei gekonntem Spiel auf einem guten Instrument aber schnell widerlegt sind.

D-Klarinette

Sie transponiert eine große Sekunde [zwei Halbtöne] nach oben und wird heute selten verwendet.

Klarinetten in C / in B / in A / in G

Für diese Klarinetten hat sich – noch immer – kein Gattungsbegriff allgemein eingebürgert. Zur Abgrenzung von den tieferen und höheren Klarinetten wird häufig von der normalen Klarinette gesprochen (und die B-Klarinette gemeint). Schade eigentlich – denn wenn man es gerne systematisch hat, wäre Sopran-Klarinetten der passende Begriff. Immerhin: Im angelsächsischen Sprachraum taucht er zuweilen auf (soprano clarinet).

C-Klarinette

Das einzige Familienmitglied, das ausnahmsweise nicht transponiert: der notierte Ton entspricht dem klingenden. Im Profibereich selten verwendet (obgleich viele klassisch-romantische Komponisten sie bisweilen vorsehen), jedoch wegen ihrer Größe als Anfängerinstrument für acht- bis elfjährige Schüler seit Beginn des 21. Jahrhunderts wieder stark verbreitet. Moderne C-Klarinetten werden gerne so konstruiert, dass das B-Klarinettenmundstück aufgesetzt werden kann, so dass sich der Schüler beim Wechsel auf die B-Klarinette nach den ersten Unterrichtsjahren hier nicht umgewöhnen muss bzw. der Profi kein separates Setup neben seinem A/B-Klarinettensatz benötigt.

Übrigens: Die ersten Klarinetten um 1700 n. Chr. waren häufig C-Klarinetten. Und es gibt auch (zumindest) eine C-Bassettklarinette, also eine C-Klarinette mit verlängertem Unterstück bis zum notierten/klingenden C (hergestellt bei Seggelke Klarinetten Bamberg); damit ließe sich zumindest theoretisch auf B- und A-Klarinette verzichten und alle Sopranklarinettenstimmen des Sinfonieorchesters auf demselben Instrument spielen.

B-Klarinette

Sie transponiert eine große Sekunde [zwei Halbtöne] nach unten und ist das am meisten verbreitete Instrument der Klarinettenfamilie. Immer häufiger liest man für sie die Bezeichnung Sopran-Klarinette (entlehnt aus den Bezeichnungen der Saxophon-Familie).

Tief-es-Verlängerung

Manche Hersteller bieten für die B-Klarinette eine sogenannte Tief-es-Verlängerung an, die zwischen Schallbecher und Unterstück gesetzt wird und den Tonumfang nach unten um einen halben Ton (bis zum notierten es, klingend des) erweitert. Das im Erweiterungsstück befindliche Tonloch wird bei Bedarf über die Klappe für den rechten Daumen mit der Bechermechanik geschlossen oder geöffnet. Für Spieler ohne A-Klarinette besteht so die Möglichkeit, auch deren tiefsten Ton auf der B-Klarinette zu spielen und so die Literatur für A-Klarinette auf der B-Klarinette (wenn auch transponiert) zu spielen.

A-Klarinette

Sie transponiert eine kleine Terz [drei Halbtöne] nach unten und ist neben der B-Klarinette in Sinfonik und Kammermusik verbreitet und ein Muss für jeden Sinfonieorchester- und Kammermusik-Klarinettisten, der deshalb einen "Klarinettensatz" (A- und B-Klarinette) sein eigen nennen sollte. Ich mag sie besonders gerne. So wurde sie auch Namensgeberin dieser Internetseiten [davon abgesehen, dass alle anderen einfachen Domainnamen schon anderweitig vergeben waren].

In der sinfonischen Blasmusik finden sich gelegentlich Stimmen für Klarinette in A, wenn es sich um tonartgleiche Transkriptionen von Werken für Sinfonieorchester handelt, bei denen allzu "schwierige" Tonarten vermieden werden sollen, indem wie in der Originalversion A-Klarinetten zu verwenden sind.

Tiefe G-Klarinette

Sie transponiert eine reine Quarte [fünf Halbtöne] nach unten. Es ist eine selten gespielte Bauform, am ehesten in der folkloristisch-orientalischen Musik zu finden (dort dann trotz der internationalen Verbreitung meist mit deutscher Griffweise).

Bassettklarinette in A · Klarinette d'Amore · Bassetthorn · Altklarinette

Auch für diese Klarinetten hat sich kein Gattungsbegriff allgemein eingebürgert. Ein Grund mag sein, dass es sich um eher seltene Familienmitglieder handelt. Ein anderer, dass bei der Klarinettenfamilie wegen des großen Tonumfangs der Instrumente ein Tenor-Instrument fehlt. Am ehesten träfe daher noch die Gattungsbezeichnung Alt-Klarinetten zu, doch ist zum einen diese Bezeichnung bereits für ein bestimmtes Instrument belegt und dem historisch älteren und bedeutsameren Bassetthorn würde sie nicht gerecht.

Bassettklarinette [in A]

Die A-Klarinette [Sopran-Klarinette in A] kann mit einem, einer großen Terz entsprechenden, verlängerten Unterstück versehen werden, um die Töne bis zum notierten c (klingend A) spielen zu können. Sie nennt sich dann Bassettklarinette. Zuerst wurde sie wieder populär durch Sabine Meyer, und ist heute bei vielen namhaften Solisten verbreitet. Sie kommt meist bei Aufführungen von Mozarts Klarinettenkonzert (A-Dur, KV 622) zum Einsatz, weil man so die mutmaßliche Originalversion der Solostimme ohne Änderungen spielen und dem Werk einen noch intensiveren Charakter im tiefen Register verleihen kann.

Vereinzelt findet man auch Bassettklarinetten in B, also um ein Bassett-Unterstück ergänzte B-Klarinetten.

Klarinette d'Amore [Bassettklarinette in G]

Im Frühjahr 2020 bekam Richard Haynes eine moderne Klarinette d'Amore (Bassettklarinette in G) aus Mopane von der Firma Schwenk & Seggelke Bamberg. Als Besonderheit verfügt dieses Instrument über einen gegenüber der tiefen G-Klarinette nach unten um vier Halbtöne erweiterten Tonumfang bis notiert c (klingend G). Außerdem kann es sowohl mit dem eiförmigen d'Amore-Schallbecher als auch mit einem traditionellen trichterförmigem Schallbecher gespielt werden. Mehr Informationen zu diesem einzigartigen Projekt ➤ https://richardehaynes.com/projects

Bassetthorn [in F]

Es transponiert eine reine Quinte [sieben Halbtöne] nach unten. W. A. Mozart liebte es sehr und setzte ihm im Requiem (KV 626) ein klingendes Denkmal (obgleich alle vorgesehenen Töne mit der B-Klarinette gespielt werden können, aber ihm war wohl an dem besonderen Klangbild gelegen). Heute entdeckt man das Bassetthorn für Kammermusik, aber auch für improvisatorische Musik, wieder neu. Aufgrund gewisser konstruktiver Merkmale sei das Bassetthorn eigentlich keine Klarinette, habe ich mal gehört, weiß aber nichts Genaues dazu. Jedenfalls ist es der Klarinette aber verblüffend ähnlich.

Obacht bei älteren Notenausgaben (so auch bei Mozarts Autograph von KV 477 Mauerische Trauermusik): Einst wurden die Noten für Bassetthorn im Bassschlüssel und eine reine Quarte tiefer als klingend notiert. Das folgende Beispiel ist die heute gebräuchliche Notation – im Violinschlüssel und eine reine Quinte höher notiert als klingend.

Noten für Bassetthorn

... hat Dietrich Demus zahlreich und sachkundig zusammengestellt » siehe hier.

Altklarinette [in Es]

Sie transponiert eine große Sexte [neun Halbtöne] nach unten und kann auch von jungen Menschen gespielt werden. Sie ist allgemein eher selten gebräuchlich - in ihrer Stimmlage konkurriert sie mit dem Bassetthorn - und wird am ehesten in sinfonischer Blasmusik anzutreffen sein. Quartettliteratur sieht oft die Altklarinette für die dritte Stimme vor, weil das Bassetthorn noch seltener zu sein scheint.

Bassklarinette · Kontraaltklarinette · Kontrabassklarinette · CLEX u. a.

Fassen wir die folgenden Instrumente der Einfachheit halber unter dem Gattungsbegriff Bass-Klarinetten zusammen. Je tiefer, je bässer!

Bassklarinette [in B]

Sie transponiert, bei Notation im Violinschlüssel, um eine Oktave plus eine große Sekunde [14 Halbtöne] nach unten, ist also eine Oktave tiefer als die B-Klarinette oder, anders ausgedrückt: doppelt so tief – allerdings in der "vollständigen" Bauweise nach unten noch um eine Terz "verlängert", was ihr dann die Bezeichnung "bis tief C" einbringt (in der kurzen Bauweise üblich "bis tief Es"). In sinfonischen Werken der Romantik und sog. Moderne wird sie häufiger und in der sinfonischen Blasmusik und Filmmusik regelmäßig verwendet, ebenso im Jazz neuerer Zeit ist sie wieder zu finden.

In älteren Notenausgaben insbes. der Romantik und der Musik des 20. Jahrhunderts wurde die Bassklarinettenstimme im Bassschlüssel notiert, also eine Oktave tiefer als im Violinschlüssel. Diese Schreibweise ist aber unüblich geworden.

Sehr selten sind Bassklarinetten in A (die eine Oktave plus eine kleine Terz nach unten transponieren). Bekannt ist ein Exemplar, das für die Uraufführung von Richard Wagners Tristan und Isolde in Bayreuth gebaut wurde. Es ist heute im Besitz der Robert-Schumann-Hochschule Düsseldorf und noch spielbar.

Kontraaltklarinette [in Es]

Sie transponiert eine Oktave plus eine große Sexte [21 Halbtöne] nach unten, ist also um mehr als anderthalb Oktaven tiefer als die B-Klarinette und ist vermutlich noch exotischer als die Kontrabassklarinette. Ich kenne aber eine!

Kontrabassklarinette [in B]

Die allergrößte der Klarinetten transponiert zwei Oktaven plus eine große Sekunde [26 Halbtöne] nach unten ist also zwei Oktaven tiefer als die B-Klarinette, oder, anders ausgedrückt: viermal so lang. Damit ist sie der absolute Exot in der Klarinettenfamilie. Wie bei der Bassklarinette gibt es auch bei der Kontrabassklarinette eine "kurze" Version, die bis zum (notierten) tiefen es reicht, und eine "lange" Version, die eine kleine Terz tiefer bis zum (notierten) tiefen C reicht. Der tiefste klingende Ton entspricht bei der langen Variante der tiefsten (äußerst linken) schwarzen Taste auf dem Klavier.

CLEX

Jochen Seggelke hat mit Partnern aus der Schweiz 2016 eine mechatronisch gesteuerte Kontrabassklarinette zur Praxisreife entwickelt und "CLEX" genannt. "CLEX" steht dabei für 'Contrabass Clarinet Extended'. Das ist derzeit die allerallergrößte Klarinette (siehe Fotos am Seitenrand). Mehr Informationen dazu gibt es hier und hier.

Oktokontraaltklarinette & Oktokontrabassklarinette

Die Fa. Leblanc baute einst einige Instrumente, die noch tiefer sind als die Kontrabassklarinette: Zum einen eine "octo contraalt clarinet" (Oktokontraaltklarinette), die eine Oktave tiefer ist als die Kontraaltklarinette, und zum anderen eine "octo contrabass clarinet" (Oktokontrabassklarinette), die eine Oktave tiefer hinunter geht als die Kontrabassklarinette. Cyrille Mercadier präsentiert auf Youtube die Oktokontraaltklarinette in diesem kurzen Video und eine Auswahl von zwölf Klarinetten von Oktokontraalt bis Hoch-as in diesem kurzen Video.

Martin Foag begann in 2023 mit der Entwicklung einer serienmäßig produzierbaren Oktokontrabassklarinette.

Service: Download der Notationsbeispiele

Tonumfang-Notation-Transposition.pdf (427,5 KiB)

B-Klarinette (Schwenk & Seggelke) und Bassklarinette (Harald Hüyng)
B-Klarinette (Schwenk & Seggelke) und Bassklarinette (Harald Hüyng)