Black Beauties – eine Reisegeschichte in fünf Stationen

Von mir im November 2022 geschrieben und zuerst erschienen in 'rohrblatt Nr. 38 (2023 Heft 1). Für diese Veröffentlichung im April 2026 redaktionell überarbeitete Fassung.

Regensburg, 2006

Mein amateurmusikalisches Universum bestand bis 2004 weitgehend aus der Beschäftigung mit sinfonischer Blasmusik, für die ich mich mit meiner Clemens-Wurlitzer-Klarinette aus Musikschul-Unterrichtszeiten und DDR-Produktion (frühe 1980er Jahre) immer gut gerüstet sah. Doch mit der Möglichkeit, regelmäßig im Sinfonieorchester zu musizieren, kam Ende 2004 der Wunsch auf, neue, professionelle Klarinetten zu spielen. Eine Interimsphase mit (zweifellos) guten Instrumemente der Marke O. Adler (Modell 323) verlief für mich jedoch wenig begeisternd.

Beim Klarinettenchor der Deutschen Klarinetten-Gesellschaft spielte ich seit Herbst 2004 regelmäßig mit, und Anfang Juli 2006 traf sich das Ensemble in Regensburg. Dort lernte ich erstmals Instrumente der Fa. Schwenk & Seggelke (heute: Seggelke Klarinetten) kennen. Das war dann »Liebe auf den ersten Griff«. Umgehend bestellte ich einen maßgeschneiderten Satz Klarinetten A/B aus Grenadill deutscher Bauweise, mit etwas reduzierter Mechanik und Carbonfaserverstärkung statt Metallringen an den Zapfen sowie silbernen Drückerrollen an der B-Klarinette. Mein ganz persönliches Sommermärchen begann und als Happy End konnte ich direkt nach den Weihnachtstagen 2006 die Instrumente in Empfang nehmen. Später tauschte ich die originalen Birnen gegen individuell gefertigte »Nacktbirnen« (aus fein poliertem schwarzen Grenadill, in schlanker Ausführung, ganz ohne Verstärkung). Und so bekamen die Instrumente dann, übrigens vom Hersteller, ihren Spitznamen: Black Beauties.

Ein paar tolle Jahre erwarteten uns: In der sinfonischen Blasmusik in verschiedenen Orchestern mit Uraufführungen und erstmals Werken bis zur Literatur der Höchststufe, fremde Länder und Wettbewerbe, manches Opus der klassisch-sinfonischen Literatur, Kanderner Bassetthorn-Festivals, und natürlich immer wieder mit dem Klarinettenchor quer durch Deutschland.

Wien, 2013

Im Juni 2013 durfte ich mit dem Akademischen Orchesterverein in Wien Juni 2013 im Großen (Goldenen) Saal des Wiener Musikvereins Dvořáks 9. Sinfonie aufführen. Das war für mich ein wirklich ganz besonderes Konzerterlebnis im Olymp der Konzertsäle dieser Welt! Akustik und Ambiente des Saals sind weltweit einmalig. Dort musizieren zu dürfen, bedeutet einfach Glück. Mit den Black Beauties eine ganz besondere Freude.

Zu der Zeit plagte mich eine lang anhaltende Blätterkrise. Ein paar Tage vor dem Konzert besuchte ich daher die Fa. maxton an ihrem ersten Firmenstandort im 13. Wiener Gemeindebezirk in der St. Veit-Gasse. Durch den Kauf von Légère-Blättern und eines passenden Gleichweit-Mundstücks, nach persönlicher Beratung durch Martin Fluch, wurde diese Krise noch vor Ort sofort und dauerhaft beendet.

Wien, 2014

Es gibt keinen Grund, nicht nach Wien zu fahren! Ein Tourneekonzert Udo Jürgens' in der Wiener Stadthalle war der eigentliche Anlass für meine fünfte Reise in die Donaumetropole im Dezember 2014. Die »Black Beauties« reisten mit, weil ich Konzerte vorzubereiten und weitere Blätter auszusuchen hatte.

Auf der Rückfahrt im Railjet vom Wiener Westbahnhof über St. Pölten und Passau nach München geschah das Unfassbare: Das Gigbag mit den Instrumenten war plötzlich weg – im allgemeinen Gewusel eines überfüllten Zuges bei der Station St. Pölten aus dem Gepäcknetz unter meinem Wintermantel einfach verschwunden. Offenbar hatte jemand Gefallen an dem schwarzen Koffer gefunden. In der Hoffnung auf ein »Schnäppchen«? So fuhr ich also ab St. Pölten ohne die Instrumente heim. Auf einen Irrtum hoffend, habe ich den Zug durchsucht und die Nacht durchwacht, aber erfolglos. Noch unterwegs konnte ich, trotz des Schocks, erste Formalitäten erledigen und Verlustanzeigen auf Facebook, in Fachforen, bei Herstellern, Hochschulen, Fundbüros usw. initiieren.

Unbekannt, ab 2015

Alle Bemühungen zum Auffinden der Instrumente blieben erfolglos. Das von daheim aus initiierte Strafverfahren stellten die deutschen Behörden rasch ein, die österreichischen hatten gar nicht erst eins eingeleitet (dazu hätte ich wieder nach St. Pölten reisen müssen).

Dank der raschen Abwicklung durch meine Musikinstrumentenversicherung waren die finanziellen Folgen des Diebstahls zu verschmerzen. Im Januar 2015 konnte ich bei Schwenk & Seggelke aus mehreren fertigen Instrumenten Ersatz kaufen. Auch die Anteilnahme vieler Musikerkollegen vermochte mich zu trösten.

Doch der Verlust saß mir immer im Nacken. Jedes Mal, wenn ich meine Ersatz-Klarinetten in die Hand nahm, war die Erinnerung an die »Black Beauties« unwillkürlich da. Irgendwann schmerzte es nicht mehr. Aber der Schatten der Erinnerung wich nicht, auch wenn ich mit dem Verlust eigentlich abgeschlossen hatte und ich mich an die neuen Instrumente bald gewöhnen konnte. Dass ein anderer Klarinettist Freude an den Instrumenten gefunden haben möge war meine einzige Hoffnung.

Wien, Düsseldorf und Bamberg 2022

Anfang März 2022 sitze ich daheim in Düsseldorf im Home-Office. Mein Mobiltelefon klingelt, eine mir unbekannte österreichische Rufnummer. Es meldet sich ein junger Mann, Wiener Akzent, etwas nervös. Ob mir vor einiger Zeit Klarinetten gestohlen worden seien?

– Da war er also, der Moment, von dem ich nicht mehr geglaubt hatte, er könne jemals eintreten. – »Ja!?« – Im kleinsten Bruchteil einer Sekunde war mir die ganze Geschichte wieder präsent. –

Nun, ihm sei da ein Klarinettensatz von Schwenk & Seggelke zum Kauf angeboten worden, aber zu einem ungewöhnlich niedrigen Preis, und da habe er im Internet nach »Klarinetten«, »Diebstahl« und den Seriennummern gesucht und bei Facebook einen Post gefunden, der von einem Diebstahl ebendieser Instrumente im Zug von Wien nach München Ende 2014 berichtet, und jetzt die dort angegebene Mobilfunknummer gewählt. Ob wir die Seriennummern vergleichen könnten? Die wusste ich sogar noch auswendig. Treffer! Auch die Beschreibung der mechanischen Ausstattung stimmte überein. Was man halt unter Klarinettisten so bespricht ...

Da waren wir beide gleichermaßen sprachlos. Nach einem Moment der Besinnung kreiste das Gespräch um die Frage, wie wir die Instrumente zu mir schaffen könnten. Denn dem Anrufer A. waren die Klarinetten nur via Internet angeboten worden. Fotos hatte er zwar, aber nicht die Instrumente. Die waren bei B., einem Boehm-Klarinettisten aus einem entfernten, »französisch-griffigen« Land. Dem waren sie dort von einem Unbekannten zum Kauf offeriert worden. Als Freund des deutschen Klarinettenklangs hatte er zwar zunächst selbst Interesse daran, wollte sie dann aber doch lieber an jemanden weitervermitteln, für den sie geeigneter wären. Zweifel an der Herkunft der Klarinetten waren ihm im Kontakt mit A. gekommen, der ihn später in die wahre Geschichte einweihte und meine Kontaktdaten gab.

Dank Messenger und Englischkenntnissen wurde ich mit B. schnell einig, dass er für mich die Instrumente zurückkaufen und mir zusenden werde. So überwies ich einen doch nicht ganz kleinen Betrag auf eine fremde Kontonummer außerhalb der Eurozone. Als Gegenleistung bekam ich vorerst Fotos vom Paket samt Instrumenten. Dazu die Tracking-ID eines ausländischen Fernbusunternehmens, dem B. offenbar mehr vertraute als DHL, UPS und Co.; außerdem stellte es sich als billiger heraus. Bei der Zustellung ergaben sich buchstäblich auf dem letzten Meter noch Komplikationen, weil meine Mobilfunknummer falsch angegeben war. Mit Unterstützung von B. konnte dann in letzter Minute verhindert werden, dass das Paket wegen Unzustellbarkeit eine 1.500 Kilometer lange Rückreise angetreten hätte, quasi bei mir an der Haustür vorbei, ohne wie geplant einzukehren.

Zwei Wochen nach dem Anruf aus Wien und mehr als sieben Jahre nach dem Diebstahl hielt ich also die »Black Beauties« wieder in Händen! Die Instrumente sahen auf den ersten Fotos ganz gut aus. Doch unsachgemäße Handhabung und klimatisch problematische Lagerung hatten ihre Spuren an Korpus und Mechanik beider Klarinetten hinterlassen – verbogene Klappen, abgebrochene Drücker, zentimeterlanger Trocknungsriss im Schallbecher. Mein erstes Gleichweit-Mundstück vom Sommer 2013 war aber unversehrt dabei. Und spielbar waren sie auch noch, beinahe als wäre nichts gewesen.

Im Sommer 2022 wurden die Klarinetten bei Schwenk & Seggelke in Bamberg instandgesetzt. Sie sind jetzt so, als wäre nichts gewesen. Ich staune immer wieder, was gute Handwerkskunst vermag!

Epilog

Kennengelernt habe ich zwei Musiker, die ob ihrer selbstlosen Hilfsbereitschaft und Gewissenhaftigkeit meinen Glauben an das Gute im Menschen gestärkt haben. Ihnen bleibe ich in Dankbarkeit verbunden. Daran, dass sie mit dem Diebstahl in 2014 nichts zu tun hatten, hatte und habe ich keinerlei Zweifel.

Die erhaltene Versicherungsleistung wurde rückabgewickelt, die Instrumente gehören wieder mir. Sie erfreuen mich wie einst beim Musizieren.

Bleibt die Frage, warum es mehr als sieben Jahre dauerte, bis die Instrumente wieder auftauchten? An einer strafrechtlichen Verfolgung hatte ich schon länger kein Interesse mehr, aber das wusste außer mir zunächst niemand. Das Diebstahlsdelikt war nach fünf Jahren in allen »beteiligten« Ländern sowieso strafrechtlich verjährt. Aus den Gesprächen mit den österreichischen Bahnbediensteten und Amtspersonen hatte ich im Dezember 2014 den Eindruck gewonnen, die fragliche Bahnstrecke sei Ort »gewerbsmäßigen« Diebstahls (günstige Tickets, ein langer Tunnel und viele Fahrgäste sind ein gutes Jagdrevier). Nach einigen Jahren hatte ich alle Veröffentlichungen über den Diebstahl im Internet löschen lassen (nur zwei Posts, darunter einer vom 'rohrblatt, waren übersehen worden).

So hatte ich wohl einfach ziemlich viel Glück im Unglück.