Aktuelle Beschreibung der Klarinetten

Die Klarinette wird allgemein zur Gattung der Holzblasinstrumente gezählt. Das heißt, die Töne (Klänge) werden typischerweise mittels Holz erzeugt.

Töne (Klänge) ...

... sind physikalisch nichts anderes als schwingende Luft. Und so setzt man die im Inneren des Instrumentenkorpus’ befindliche Luftsäule in Schwingungen, indem man auf dem schnabelähnlichen Mundstück ein dünnes Holzblättchen befestigt. Das Mundstück bestand früher aus Holz, heute aber meist aus Kautschuk oder Kunststoff (Kristallglas und Holz werden auch selten verwendet). Das Holzblättchen wird mit einer Schnur, Blattschraube oder Ligatur befestigt. Es besteht getrocknetem und passend geschnitztem Schilfrohr (arundo donax); ebenso funktionale Blätter aus Kunststoff gibt es auch. Dann umschließt man das Mundstück samt diesem einfachem Rohrblatt mit den Lippen und lässt die Atemluft so kontrolliert und zielgerichtet durch den zwischen Mundstück und angefeuchtetem Blatt verbleibenden Spalt durch das Instrument strömen, dass das Blatt in Schwingungen gerät. Dadurch wird auch die Luft im Instrumentenkorpus in Schwingungen versetzt und es entsteht: ein Ton (wenn man es richtig macht). Wer das Saxophon kennt, wird feststellen, dass das da genau so geht.

Unterschiedlich hohe Töne ...

... entstehen durch unterschiedlich lange Luftsäulen im Instrument bzw. durch unterschiedlich schnell schwingende Luft. Der Kammerton a’ ‒ das “eingestrichene A” ‒ entspricht einer Schwingungsfrequenz von 440, 442 oder 443 Hertz, das sind 440, 442 bzw. 443 Schwingungen pro Sekunde. Der Ton a’’ (das “zweigestrichene A”) ist eine Oktave höher als das a', also doppelt so hoch, und schwingt deshalb mit 880, 884 bzw. 886 Hertz (Hz).

Zur Veränderung der Länge der Luftsäule, also der Tonhöhe ...

... öffnet oder schließt man im Instrumentenkorpus befindliche Löcher mit den fünf Fingern der linken Hand sowie den vier Fingern der rechten Hand. Der rechte Daumen hat dabei nur die Funktion, das Instrument zu stützen (die B-Klarinette aus Grenadill wiegt durchschnittlich rund 740 Gramm). Wegen der Gesamtlänge der Klarinette (etwa 65 cm bei der B-Klarinette) ist es nicht möglich, alle Tonlöcher mit den Fingern direkt zu erreichen. Auch können mittels der mit den Fingern direkt erreichbaren Grifflöcher nicht alle in unserem Tonsystem gebräuchlichen Töne “gegriffen” werden. Daher gibt es, je nach Bautradition und Hersteller, unterschiedliche geformte und unterschiedlich viele Klappen, die das Erreichen weiter entfernter Grifflöcher oder zusätzliche Kombinationen von offenen und geschlossenen Tonlöchern ermöglichen.

Der Instrumentenkorpus ...

... besteht – üblicherweise – aus Holz: Heutzutage wird dafür regelmäßig Grenadill verwendet, aber auch Buchsbaum, Cocobolo, Mopane und andere Hölzer hoher Dichte und Festigkeit, die eine präzise Verarbeitung ermöglichen, Robustheit und gute Klangeigenschaften besitzen, kommen zum Einsatz. So gibt es Spezialanfertigungen aus Olivenholz und Pflaumenholz. Zu den gebäuchlichen Hölzern steht mehr auf dieser Seite.

Alternativ werden Klarinetten aus Ebonit, einem speziellen Kunststoff, angeboten, meist aber solche im niedrigsten Preis- und Qualitätssegment (um das man, meine Meinung, einen großen Bogen machen sollte) oder für den Einsatz Draußen bei Wind und Wetter. Neuere Versuche gehen in die Richtung, Grenadillspäne und Kunststofffasern auf raffinierte Weise zu einem robusten Korpusmaterial zu verbinden.

Anders als bei Oboe, Saxophon, Fagott verläuft die Innenbohrung des Klarinettenkorpus nicht konisch, also am Anfang (Mundstück) eng und bis zum Ende (Schallbecher) kontinuierlich weiter werdend, sondern weitestgehend zylindrisch, das heißt gleichbleibend. Erst kurz vor Ende des Korpus, mit Erreichen des trichterförmigen Schallbechers, weitet sich die Bohrung, und geht wenig später in den trichterförmigen Schallbecher über.

Klarinetten bestehen von oben nach unten aus

  • Mundstück, zirka 7 Zentimeter
  • Birne (Fass), zirka 6 Zentimeter
  • Oberstück, zirka 19 Zentimeter
  • Unterstück, zirka 22 Zentimeter
  • Schallbecher (Trichter), zirka 11 Zentimeter.

Der Bohrungsdurchmesser beträgt etwa 15 Millimeter. Der Außendurchmesser des Korpus liegt bei etwa 30 Millimetern. Am Ende des Schallbechers beträgt der Innendurchmesser zirka 55 Millimeter, der Außendurchmesser etwa 80 Millimeter. Das alles sind aber nur ungefähre Maße, die sich auf die B-Klarinette mit deutscher Griffweise beziehen und je nach Hersteller und Bauweise variieren. Bei den tiefen, größeren Klarinetten verbindet anstelle der Birne ein sogenannter "S-Bogen" aus Metall Mundstück und Oberstück. (Die Bezeichnung ist von der äußeren Form abgeleitet.)

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Mit den Fingern ...

... werden direkt maximal sieben Tonlöcher abgedeckt. Die übrigen Tonlöcher (je nach Bauweise über 20 Stück bei der B-Klarinette) werden mit Hilfe von gepolsterten Klappen geschlossen. Für die Polsterung wird Leder, sogenannte Fischhaut (die alles andere als Fischhaut ist) oder spezielles Silikon (zum Beispiel unter der Firmenbezeichnung Quarzresonanzpolster) verwendet; das gewählte Material soll bestmöglichst die Eigenschaften der menschlichen Fingerkuppen besitzen. Die Klappen bestehen aus geschmiedetem (oder gegossenem) Stahl und sind in aller Regel versilbert, selten auch vergoldet.

Die Klarinette geht auf Erfindungen ...

... aus der Werkstatt von Johann Christoph Denner aus Nürnberg um das Jahr 1690 n. Chr. zurück. Sie wird seither, in nunmehr vier Jahrhunderten, ständig weiterentwickelt. Auch die sogenannten historischen Instrumente aus dem 18. und 19. Jahrhundert werden heute wieder (nach-) gebaut und erfreuen sich über Fachkreise hinaus wachsender Beliebtheit, lassen sie doch Klangkultur und Erfindungsreichtum vergangen geglaubter Epochen wieder lebendig werden – für Publikum und Klarinettisten.

Die Klarinette ist ein transponierendes Instrument!

Das heißt: Es klingt ein anderer Ton als in den Noten notiert (außer bei der C-Klarinette). So kann man, praktischerweise, auf allen Klarinetten die gleichen Griffe für die gleichen (notierten) Töne nutzen. Das hat insbesondere historische Gründe. Weil in der Frühzeit des Instrumentes ein gegenüber heute nur rudimentärer Klappenmechanismus verfügbar war und damit nicht alle Töne beziehungsweise nicht alle Töne problemlos gespielt werden konnten, baute man Klarinetten unterschiedlicher Stimmungen, um dennoch alle von den Komponisten gewünschten Tonarten einigermaßen bequem und klanglich befriedigend auszuführen zu können.

Auch wenn der heute verfügbare Stand der Technik ein sehr ausgefeiltes Klappensystem und damit das Spielen aller Tonarten auf derselben Klarinette ermöglicht, so hat man doch die meisten unterschiedlichen Stimmungen beibehalten. Manches greift und spielt sich in einer Klarinette einer anderen Stimmung dann eben doch leichter (weil weniger Vorzeichen zu beachten und weniger komplexe Grifffolgen zu greifen sind). Und, ganz wichtig: Klarinetten unterschiedlicher Stimmung haben aufgrund ihrer unterschiedlichen Gesamtlänge und Bohrungsdurchmesser auch unterschiedliche Klangfarben, Klangcharaktere und Tonumfänge. Auch das war von Anfang an und ist bis heute ein triftiger Grund, eine Klarinette einer je besonderen Grundstimmung zu verwenden und nicht ausschließlich die B-Klarinette als die heute am weitesten verbreitete für alle Zwecke und Kompositionen. Vielen Komponisten und ihrem Werk täte man Unrecht, ersetzte man bei der Aufführung die von ihnen vorgeschriebene Klarinette durch eine solche anderer Stimmung.

Hinweise zur Notation, zum Tonumfang und zum Transponieren habe ich auf dieser Seite zusammengestellt.

C-Klarinette von LeComte Paris (Paris um 1900 / Bamberg 2009). Mit historisch getreuem Birnen-Nachbau und modernem Mundstück. Foto 2009 © Achim Hohlfeld.

Eine Seltenheit ist die Klarinette ...

... unter den Holzblasinstrumenten (neben Flöten, Oboen, Fagotte, Saxophone) insofern, als sie die einzige unter ihnen ist, die in die Duodezime überbläst. Alle anderen überblasen in die Oktave.

Was heißt “Überblasen”? Der Tonumfang und die Tonhöhe wird durch die Länge der Luftsäule bzw. durch Veränderung der Luftsäule im Instrument bestimmt. Durch Überblasen erhält man zusätzliche Töne. Das Überblasen kann mit Hilfe des Atemdrucks ausgeführt werden, jedoch wird zur Vereinfachung und Präzisierung an modernen Holzblasinstrumenten eine Überblasklappe angebracht, die am oberen Ende des Instrumentes ein Tonloch öffnet, mit dem linken Daumen bedient wird und das Überblasen präziser und ohne wesentliche Änderung des Atemdrucks gestattet.

(Bei der gewöhnlichen Blockflöte wird eine solche Überblasklappe nicht angebracht. Hier öffnet man das Daumenloch zum Überblasen durch geschickte Fingerpositionierung halb.)

Greift man einen Ton, zum Beispiel das c’, und drückt dann diese Überblasklappe (oder überbläst), so ertönt bei allen anderen Holzblasinstrumenten ein doppelt so hoher Ton: Im genannten Beispiel das c’’, genau eine Oktave (= zwölf Halbtonschritte) höher, der erste Oberton. Nur bei der Klarinette erklingt dann ein um eine Duodezime (= neunzehn Halbtonschritte) höherer Ton, im Beispiel das g’’. Das ist der zweite Oberton. Dadurch vergrößert sich gegenüber Flöte, Oboe und Saxophon der Gesamttonumfang der Klarinette deutlich, allerdings wird auch die Griffsystematik anspruchsvoller, da gleichnamige Töne in unterschiedlichen Oktaven komplett unterschiedlich zu greifen sind und zwischen überhaupt mehr Griffkombinationen für die größere Anzahl Töne notwendig sind.

Erstmals nennenswert Verwendung ...

... fand die Klarinette in den Spätwerken von Joseph Haydn und in der Musik von Wolfgang Amadeus Mozart. Als Orchesterinstrument wurde sie früh in der damaligen Mannheimer Hofkapelle eingesetzt und trug so ihren Teil zur “Mannheimer Schule” des Orchestermusizierens und Komponierens bei. In der klassisch-romantischen Musik zählen zu den bedeutendsten Werken das Konzert für Klarinette und Orchester von W. A. Mozart (A-Dur, KV 622), das Concertino und die Konzerte für Klarinette und Orchester von Carl Maria von Weber sowie die spätesten Kompositionen von Johannes Brahms (opp. 114, 115 und 120 für Klarinette, Violoncello und Klavier, für Klarinette und Streichquartett, sowie für Klarinette und Klavier).

Heute wird die Klarinette außer in der Sinfonik, Oper/Operette und Kammermusik auch in der Blasmusik aller Facetten, im Jazz, im Militär und in der sogenannten unterhaltenden Musik eingesetzt. Also praktisch überall. Sie zeichnet sich so durch besondere stilistische Vielseitigkeit aus, was sie von ihren Holzblasgeschwistern Oboe und Fagott unterscheidet, muss aber ihrer späten Erfindung wegen bei Kompositionen bis zur Epoche des Barock entbehrt werden.

Bechermechanik

Die sog. "Bechermechanik" wird bei Klarinetten traditioneller deutscher Bauweise (ab A-Klarinette aufwärts) montiert, um für den tiefsten Ton (notiert e), der hier bauartbedingt oft hörbar zu tief intoniert, eine reinere Intonation zu erzielen. Diese Mechanik öffnet ein zusätzliches Tonloch am Schallbecher, und wird mit einem Hebel für den rechten Daumen bedient. Synonym gebräuchlich sind die Bezeichnungen "Daumenmechanik" und "Tief-e-Verbesserung". Gelegentlich wird sie kombiniert mit einem zusätzlichen Resonanzloch am Unterstück zur Intonationskorrektur des zweittiefsten Tons (notiert f), bedient über denselben Hebel.

b'-Mechanik

Bei innovativeren Instrumenten deutscher Bauweise kann auf die Bechermechanik zur Intonationsverbesserung praktisch verzichtet werden: Dort intonieren e und f auch ohne diese Hilfe gut. Ausgangspunkt ist ein zusätzliches Tonloch für das b' am Oberstück, welches das Überblasloch von seiner Doppelfunktion (b' und Überblasung in die Duodezime) entlastet und so anders positioniert und verkleinert werden kann. Dadurch, mit modifizierter Innenbohrung, verbessert sich nicht nur der Klang des b', sondern auch die Intonation in der dritten Lage (speziell e''') und ganz unten die der Töne e und f. Das macht eine Bechermechanik praktisch verzichtbar, dies erst recht bei einer alternativen Anordnung der untersten Tonlöcher für e/h’ und f/c’’, die einen weiteren Klappenaufgang ermöglicht.

Freilich ist die b'-Mechanik keine Erfindung des frühen 21. Jahrhunderts. Instrumentenbauer, die sie heute wieder verbauen, greifen bewusst auf bekannte Vorbilder aus dem 20. Jahrhundert zurück. Insofern ist die b'-Mechanik heute keine "Innovation", sondern eine Wiederentdeckung. Die beiden folgenden Fotos zeigen eine bei Schwenk & Seggelke in Bamberg 2016 gefertigte b‘-Mechanik nach ihrem historischen Vorbild der Schmidt-Kolbe-Klarinetten aus den 1920er/30er-Jahren.