Historische Beschreibung der Klarinetten

Im Februar 1930 erschien zu Berlin die “Zeitschrift des Reichsbundes Deutscher Orchestervereine e. V.”. Das Umfeld war ideologisch höchst fragwürdigen Gedankengutes, aber inhaltlich ist die Zeitschrift nicht zu beanstanden. (Heute, fern jener ideologischen Fragwürdigkeit, heißt die Zeitschrift “Das Liebhaberorchester” und ist das Publikationsorgan des Bundesverbandes Deutscher Liebhaberorchester - BDLO.) Die damalige Ausgabe veröffentlichte folgenden Artikel von Hans Helfritz:

Die Blasinstrumente des Orchesters: Instrumente mit Rohrblattmundstücken

"Das Problem der Tonerzeugung bei unseren Rohrblattinstrumenten ist folgendes: Durch eine Oeffnung, die durch ein elastisch schwingendes Blatt fast ganz verschloßen ist, läßt der Bläser die Luft in das Instrument langsam hineinströmen. Hierbei drückt der Luftstrom das elastische Blatt ab, worauf es sofort wieder zurückschnellt. Dieser Vorgang wiederholt sich in einem bestimmten Rhythmus, der sich wiederum auf die in der Tonröhre eingeschloßene und in Schwingung versetzte Luftsäule überträgt. So entsteht der Ton. Die Tonhöhe hingegen hängt erstens von der Länge des Blattes und zweitens von der Länge der Luftsäule ab. Je länger das Blatt, desto langsamer gerät es in Schwingung und desto tiefer wird der Ton. Je kürzer es ist, desto mehr Schwingungen sind möglich und desto höher wird er Ton. Durch Grifflöcher und Klappen, die an den Tonröhren angebracht sind, ist es möglich, eine chromatische Skala zu blasen, aber nur innerhalb einer Oktave. Das genügt aber nicht. Will man die höheren Töne erhalten, so geschieht das durch Ueberblasen des Tones. Durch engeren Lippenschluß, nicht durch stärkeres Blasen, wird die Luftmaße verringert, die Luftstromgeschwindigkeit aber gesteigert. Hierdurch entstehen bei der schwingenden Luftsäule (ähnlich wie bei den Flageolettönen auf Saiteninstrumenten) Knotenpunkte, die die Luftsäule in Schwingungsbäuche teilt. Man erhält so durch Ueberblasen zuerst die Oktave, dann die Duodezime, die zweite Oktave usw. Der erste Ueberblaston der Klarinette ist die Duodezime, also eine Quinte höher. Man nennt diese Eigentümlichkeit der Klarinette das Quintieren. [...]

C-Klarinette von LeComte Paris (Paris um 1900 / Bamberg 2009). Mit Originalbirne und historisch getreuem Nachbau. Foto 2009 © Achim Hohlfeld.
C-Klarinette von LeComte Paris (Paris um 1900 / Bamberg 2009). Mit Originalbirne und historisch getreuem Nachbau. Foto 2009 © Achim Hohlfeld.

Die Klarinette ist ein verhältnismäßig junges Instrument, sie ist um 1700 von Joh. Chr. Denner in Nürnberg erfunden worden. Den Namen gab er seinem Instrument als Diminutiv von ‘Clarino’, womit man früher die hohen Trompeten bezeichnete. Die Klarinette wurde bald als ausgezeichnetes Orchesterinstrument überall aufgenommen. Im Militärorchester ist sie melodieführend und hat allmählich die früher dominierende Oboe verdrängt. Durch Anbringung eines Ueberblaseloches hat das Instrument seinen großen Tonumfang (von e – a’’’) erreicht, durch den es sich vor den anderen auszeichnet. Der Klang der Klarinette übertrifft an Ausdrucks- und Modulationsfähigkeit alle anderen Blasinstrumente. Auch sind die Lagen ziemlich ausgeglichen, erst in der Höhe werden die Töne leicht scharf und schrill. Man baut sie in verschiedenen Größen, damit ist natürlich ihre Tonhöhe auch verschieden. Die gebräuchlichste Stimmung ist die in B und A, die Baßklarinette wird fast immer in B gebaut. Militärorchester gebrauchen neben der B-Klarinette die kleineren in C, D oder Es. Von ganz besonders schönem Klang ist die Kontrabaßklarinette, die es aber leider nur in ganz wenigen Exemplaren gibt. [...]"

C-Klarinette von LeComte Paris (Paris um 1900 / Bamberg 2009). Mit Originalbirne und historisch getreuem Nachbau. Foto 2009 © Achim Hohlfeld.
C-Klarinette von LeComte Paris (Paris um 1900 / Bamberg 2009). Mit Originalbirne und historisch getreuem Nachbau. Foto 2009 © Achim Hohlfeld.