Aktuelle Beschreibung der Klarinetten

Die Klarinette wird gewöhnlich zur Gattung der Holzblasinstrumente gezählt. Das heißt, dass die Töne (Klänge) typischerweise mittels Holz erzeugt werden.

Töne (Klänge) ...

... sind physikalisch nichts anderes als schwingende Luft. Und so setzt man die im Inneren des Instrumentenkorpus’ befindliche Luftsäule in Schwingungen, indem man auf dem schnabelähnlichen Mundstück (früher aus Holz, heute meist aus Kautschuk oder Kunststoff [Kristallglas und Holz sind auch selten im Gebrauch]) ein dünnes Holzblättchen befestigt (mittels Schnur, Blattschraube oder Ligatur). Dieses Holzblättchen besteht aus getrocknetem und passend zurecht geschnitztem Schilfrohr (arundo donax; die kanadische Firma Légère bspw. produziert ebenso funktionale Blätter aus Kunststoff). Dann umschließt man das Mundstück samt diesem einfachem Rohrblatt mit den Lippen und führt die Atemluft so kontrolliert und zielgerichtet durch den zwischen Mundstück und angefeuchtetem Blatt verbleibenden Spalt in das Instrument, dass das Blatt in Schwingungen gerät. Dadurch wird auch die Luft im Instrumentenkorpus in Schwingungen versetzt und es entsteht: ein Ton (wenn man es richtig macht).

Wer das Saxophon kennt, wird feststellen, dass das da genau so geht.

Unterschiedlich hohe Töne ...

... entstehen durch unterschiedlich lange / kurze Luftsäulen im Instrument bzw. durch unterschiedlich schnell schwingende Luft. Der Kammerton a’ ‒ das “eingestrichene A” ‒ zum Beispiel entspricht einer Schwingungsfrequenz von 440, 442 oder 443 Hertz (Hz = Schwingungen pro Sekunde). Der Ton a’’ (das “zweigestrichene A”), eine Oktave höher, ist doppelt so hoch und schwingt daher mit 880 Hz (bzw. 884 oder 886 Hz).

Birnen Foto (M) 2007 © Achim Hohlfeld.
Birnen Foto (M) 2007 © Achim Hohlfeld.

Zur Veränderung der Länge der Luftsäule ...

... öffnet oder schließt man die im Instrumentenkorpus befindlichen Löcher mit den fünf Fingern der linken Hand sowie den vier Fingern der rechten Hand. Der rechte Daumen hat meistens nur die Funktion, das Instrument zu stützen (die B-Klarinette aus Grenadill wiegt zirka 750 Gramm). Wegen der Gesamtlänge der Klarinette (etwa 65 cm bei der B-Klarinette) ist es nicht möglich, alle Tonlöcher mit den Fingern direkt zu erreichen. Auch können mittels der mit den Fingern direkt erreichbaren Grifflöcher nicht alle in unserem tradierten Tonsystem gebräuchlichen Töne “gegriffen” werden. Daher gibt es, je nach Bautradition und Hersteller, unterschiedliche und unterschiedlich viele Klappen, die das Erreichen weiter entfernter Grifflöcher oder zusätzliche Kombinationen von offenen / geschlossenen Tonlöchern ermöglichen.

Der Instrumentenkorpus ...

... besteht – üblicherweise – aus Holz: Heutzutage wird dafür meist Grenadill verwendet, aber auch Buchsbaum, Cocobolo, Mopane und andere Hölzer hoher Dichte und Festigkeit, die eine präzise Verarbeitung ermöglichen, Robustheit und gute Klangeigenschaften besitzen, kommen zum Einsatz. Zu den Hölzern steht mehr auf dieser Seite.

Alternativ werden Klarinetten aus Ebonit, einem speziellen Kunststoff, angeboten, meist aber solche im niedrigsten Preis- und Qualitätssegment (um das man, meine Meinung, einen großen Bogen machen sollte) oder für den Einsatz Draußen bei Wind und Wetter. Neuere Versuche gehen in die Richtung, Grenadillspäne und Kunststofffasern auf raffinierte Weise zu einem robusten Korpus zu mischen.

Anders als bei Oboe, Saxophon, Fagott ist die Innenbohrung des Instrumentenkorpus nicht konisch, also am Anfang (Mundstück) eng und bis zum Ende (Schallbecher) kontinuierlich weiter werdend, sondern weitestgehend zylindrisch, das heißt gleichbleibend. Erst kurz vor Ende des Korpus, mit Erreichen des trichterförmigen Schallbechers, weitet sich die Bohrung, und geht dann in den trichterförmigen Schallbecher über.

Klarinetten bestehen von oben nach unten aus

  • Mundstück, zirka 7 Zentimeter
  • Birne (Fass), zirka 6 Zentimeter
  • Oberstück, zirka 19 Zentimeter
  • Unterstück, zirka 22 Zentimeter
  • Schallbecher (Trichter), zirka 11 Zentimeter.

Der Bohrungsdurchmesser beträgt etwa 15 Millimeter. Der Außendurchmesser des Korpus liegt bei etwa 30 Millimetern. Am Ende des Schallbechers beträgt der Innendurchmesser zirka 55 Millimeter, der Außendurchmesser etwa 80 Millimeter. Das alles sind aber nur ungefähre Maße, die sich auf die B-Klarinette mit deutscher Griffweise beziehen und je nach Hersteller und Bauweise variieren.

Mit den Fingern ...

... werden direkt maximal sieben Tonlöcher abgedeckt. Die übrigen Tonlöcher (je nach Instrument über 20 bei der B-Klarinette) werden mit Hilfe von gepolsterten Klappen geschlossen. Für die Polsterung wird Leder, sogenannte Fischhaut (die alles andere als Fischhaut ist) oder spezielles Silikon (zum Beispiel unter der Firmenbezeichnung Quarzresonanzpolster) verwendet. Die Klappen bestehen aus geschmiedetem (oder gegossenem) Stahl und sind in aller Regel versilbert, selten auch vergoldet.

Ober- und Unterstück Foto (M) 2007 © Achim Hohlfeld.
Ober- und Unterstück Foto (M) 2007 © Achim Hohlfeld.

Die Klarinette geht auf Erfindungen ...

... aus der Werkstatt von Johann Christoph Denner aus Nürnberg um 1690 n. Chr. zurück und wurde seither, in nunmehr vier Jahrhunderten, ständig weiterentwickelt. Aber auch die sogenannten historischen Instrumente aus dem 18. und 19. Jahrhundert werden heute wieder (nach-) gebaut und erfreuen sich über Fachkreise hinaus wachsender Beliebtheit, lassen sie doch Klangkultur und Erfindungsreichtum längst vergangen geglaubter Epochen wieder lebendig werden - sowohl für das Publikum als auch den ausführenden Klarinettisten.

Schallbecher Foto (M) 2007 © Achim Hohlfeld.
Schallbecher Foto (M) 2007 © Achim Hohlfeld.

Erstmals nennenswerte Verwendung ...

... fand die Klarinette in der Musik von Wolfgang Amadeus Mozart und in den Spätwerken von Joseph Haydn. Als Orchesterinstrument wurde sie früh in der Mannheimer Hofkapelle eingesetzt und trug so  ihren Teil zur “Mannheimer Schule” des Orchestermusizierens und Komponierens bei. Aus der klassischen Musik sind die bedeutendsten Werke das Konzert für Klarinette und Orchester von W. A. Mozart (A-Dur, KV 622), das Concertino und die Konzerte für Klarinette und Orchester von Carl Maria von Weber sowie die spätesten Kompositionen von Johannes Brahms (opp. 114, 115 und 120 für Klarinette, Violoncello und Klavier, für Klarinette und Streichquartett, sowie für Klarinette und Klavier) sowie viele andere.

Heute wird sie neben Sinfonik, Oper/Operette, Kammermusik auch in der Blasmusik aller Facetten, im Jazz, im Militär und in der sogenannten unterhaltenden Musik eingesetzt. Also praktisch überall. Sie zeichnet sich so gegenüber Oboe und Fagott durch ihre Vielseitigkeit aus, muss aber ihrer späten Erfindung wegen bei Musik bis zur Epoche des Barock entbehrt werden.

Die Klarinette ist ein transponierendes Instrument!

Das heißt: Es klingt ein anderer Ton als in den Noten notiert (außer bei der C-Klarinette). So kann man, praktischerweise, auf allen Klarinetten die gleichen Griffe für die gleichen (notierten) Töne nutzen. Das hat insbesondere historische Gründe. Weil in der Frühzeit des Instrumentes ein gegenüber heute nur rudimentärer Klappenmechanismus verfügbar war und damit nicht alle Töne beziehungsweise nicht alle Töne problemlos gespielt werden konnten, baute man Klarinetten unterschiedlicher Stimmungen, um dennoch alle von den Komponisten gewünschten Tonarten einigermaßen bequem und klanglich befriedigend auszuführen zu können.

Auch wenn der heute verfügbare Stand der Technik ein sehr ausgefeiltes Klappensystem und damit das Spielen aller Tonarten auf derselben Klarinette ermöglicht, so hat man doch die meisten unterschiedlichen Stimmungen beibehalten. Manches greift und spielt sich in einer Klarinette einer anderen Stimmung dann eben doch leichter (weil weniger Vorzeichen zu beachten sind). Und, ganz wichtig: Klarinetten unterschiedlicher Stimmung haben aufgrund ihrer unterschiedlichen Gesamtlänge und Bohrungsdurchmesser auch unterschiedliche Klangfarben, Klangcharaktere und Tonumfänge. Auch das war von Anfang an und ist bis heute ein triftiger Grund, eine  Klarinette einer bestimmten Grundstimmung zu verwenden und nicht ausschließlich die B-Klarinette als die heute am weitesten verbreitete für alle Zwecke und Stücke. Vielen Komponisten und ihrem Werk täte man Unrecht, ersetzte man bei der Aufführung die von ihnen vorgeschriebene Klarinette durch eine solche anderer Stimmung.

Hinweise zur Notation, zum Tonumfang und zum Transponieren habe ich auf dieser Seite zusammengestellt.

Eine Seltenheit ist die Klarinette ...

... unter den Holzblasinstrumenten (neben Flöten, Oboen, Fagotte, Saxophone) insofern, als sie die einzige unter ihnen ist, die in die Duodezime überbläst. Alle anderen überblasen in die Oktave. Was heißt “Überblasen”? Der Tonumfang und die Tonhöhe wird durch die Länge der Luftsäule bzw. durch Veränderung der Luftsäule im Instrument bestimmt. Durch Überblasen erhält man zusätzliche Töne. Das Überblasen kann mit Hilfe des Atemdrucks ausgeführt werden, jedoch wird zur Vereinfachung und Präzisierung an modernen Holzblasinstrumenten eine Überblasklappe angebracht, die am oberen Ende des Instrumentes ein Tonloch öffnet, mit dem linken Daumen bedient wird und das Überblasen präziser und ohne wesentliche Änderung des Atemdrucks gestattet.

(Bei der gewöhnlichen Blockflöte wird eine solche Überblasklappe nicht angebracht. Hier öffnet man das Daumenloch zum Überblasen durch geschickte Fingerpositionierung halb.)

Greift man einen Ton, zum Beispiel das c’, und drückt dann diese Überblasklappe (oder überbläst), so ertönt bei allen anderen Holzblasinstrumenten ein doppelt so hoher Ton: Im genannten Beispiel das c’’, genau eine Oktave gleich zwölf Halbtonschritte höher, der erste Oberton. Nur bei der Klarinette erklingt dann ein um eine Duodezime höherer Ton, im Beispiel das g’’.  Das sind 19 Halbtonschritte und es ist der zweite Oberton. Dadurch vergrößert sich gegenüber Flöte, Oboe und Saxophon der Gesamttonumfang der Klarinette deutlich, allerdings wird auch die Griffsystematik anspruchsvoller, da gleichnamige Töne in unterschiedlichen Oktaven komplett unterschiedlich zu greifen sind.

Bechermechanik

Die sog. Bechermechanik wird bei den Klarinetten traditioneller deutscher Bauweise (ab A-Klarinette aufwärts) benötigt, um für die beiden tiefsten Töne, e und f, die hier meist etwas zu tief intonieren, eine reinere Intonation zu erzielen. Sie schließt bzw. öffnet ein zusätzliches Tonloch am Schallbecher, bedient mit einem Hebel für den rechten Daumen.

Fettdöschen Foto (M) 2007 © Achim Hohlfeld.
Fettdöschen Foto (M) 2007 © Achim Hohlfeld.

b'-Mechanik

Bei innovativeren Instrumenten deutscher Bauweise kann auf die Bechermechanik zur Intonationsverbesserung praktisch verzichtet werden: Dort intonieren e und f auch ohne diese Hilfe gut. Ausgangspunkt ist ein zusätzliches Tonloch für das b', welches das Überblasloch von seiner Doppelfunktion (b' und Überblasung in die Duodezime) entlastet und so anders positioniert und verkleinert werden kann. So verbessert sich nicht nur der Klang des b', sondern auch die Intonation in der dritten Lage (speziell e''') und ganz unten die des e und f, was eine Bechermechanik praktisch verzichtbar macht. Dies erst recht bei einer neukonzipierten Anordnung der untersten Tonlöcher für e/h’ und f/c’’.

Freilich ist die b'-Mechanik keine Erfindung des frühen 21. Jahrhunderts. Die innovativen Instrumentenbauer greifen bewusst auf Vorbilder aus dem 20. Jahrhundert zurück.